Vincent ist 23 Jahre alt. «Ich war immer ein zurückhaltender, ruhiger (fast stummer), ängstlicher Junge, der grundsätzlich sein Recht auf Existenz in Frage stellte. Immer hatte ich das Gefühl, meine blosse Anwesenheit sei nicht ok. Mein Selbstwertgefühl war so klein, dass ich oft jede Regung oder Bewegung von mir als nicht erlaubt oder falsch betrachtete. Dies war meine Selbstwahrnehmung und ich glaubte, dass sich andere Menschen auch so fühlen. Nur dass jeder andere halt besser und stärker war und so damit umgehen konnte.

Der soziale Rückzug, mein Vermeidungsverhalten und die Erschöpfung, die daraus resultierten, bestimmten mein Leben. Vor allem in Zeiten, in denen ich alleine lebte, wurde es so schlimm, dass ich selbst in meiner eigenen Wohnung Angst hatte, mich zu bewegen. Ich wollte keine Geräusche verursachen die andere stören könnten.

Erst mit ca. 21 Jahren realisierte ich, dass nicht jeder mit so starken Ängsten lebt. Meine Ängste führten mich in eine soziale Phobie und damit auch in die Depression.

Ich zeichne gerne, um meine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Dieses Bild von meiner Angst habe ich in einer depressiven Phase gezeichnet. Mit dem Licht,  das durch das Fenster fällt, ist ein Anfang meiner inneren Heilung zu sehen.

Durch die Gespräche mit meinem Therapeuten und meiner Bezugsperson mache ich stetig Fortschritte und gewinne neue Erkenntnisse über mich. Der wichtigste Teil liegt bei mir. Die Entscheidung, die ich mit 21 Jahren in der Klinik traf, war für mich vorbehaltslos klar. Es war für mich absolut ausgeschlossen, mein Leben so weiter zu führen wie bisher.

Mir fehlte jegliche Kraft, um weiterhin in dieser Welt aus Angst, Einsamkeit und Verzweiflung zu leben. Vor dem Klinikeintritt 2011 hatte ich erstmals einen Job, bei dem ich mich einigermassen wohl fühlte. Auch diese Stelle verlor ich durch meine Ängste. Ich glaube, dass auch diese Erfahrung massgeblich zu meiner Entscheidung beigetragen hat, Betreuung anzunehmen. Meine Menschenfurcht war so bestimmend, dass ich es kaum ertragen konnte, mit anderen Menschen in einem Raum zu sein oder auf der Strasse unterwegs zu sein. In öffentlichem Räumen zu sein oder in einem Restaurant zu essen war für mich, wenn überhaupt, dann nur unter grossen inneren Qualen möglich. Auch die körperlichen Symptome wie extremes Zittern und Angststarren belasteten mich immer stärker.

Es war also an der Zeit, den ersten Schritt in eine ungewisse Zukunft zu gehen, was sich für mich rückhaltlos richtig anfühlte. Obwohl ich schon viereinhalb Jahre im Dialogos bin, kommt es mir viel kürzer vor. Ich lebe in einer Einzelwohnung und habe lange darauf hingearbeitet und gewartet. Ich fühle mich sehr wohl dabei.

Die Ursache meiner Ängste steht für mich nicht so sehr im Vordergrund, viel mehr mein eigener Umgang mit den Ängsten und das Akzeptieren meiner schwierigen Gefühle. So kann ich Schritt für Schritt Veränderungen angehen.

Im Dialogos betonte ich, dass ich keine Familiengespräche wünsche. Hauptsächlich, weil ich erstmal eine Distanz, zu allem was früher war, brauchte. Aber auch deshalb, weil ich meinen ganz eigenen Weg finden wollte. Trotzdem hielt ich immer den Kontakt zu meiner Familie aufrecht. Immer konnte ich mit ihrer Unterstützung rechnen.

Heute kann ich mit ihnen über meine Situation sprechen. Meine Eltern interessieren sich sehr für mich und versuchen mich zu verstehen. Allerdings glaube ich, dass es ihnen teilweise schwerfällt, nachzuvollziehen wie ich mich fühle. Ich weiss, dass sie sich öfters fragen, ob sie Fehler gemacht haben oder zu wenig für mich getan haben. Ich wünsche mir, dass sie sich deswegen keine Vorwürfe machen oder sich schuldig fühlen. Insgesamt erlebe ich die Beziehung zu meinen Eltern gut. Ich habe Distanz und Zeit gebraucht, meinen Weg zu finden und kann ihnen nun auf Augenhöhe begegnen.

Lernen ist möglich, wie zum Beispiel Bedürfnisse zu äussern, auf Menschen zugehen oder auch im Alltag ohne extreme Stressreaktionen und Überforderung unterwegs zu sein. Ich pflege heute Freundschaften, die mir entsprechen. Wenn mir ein Kontakt nicht gut tut, dann kann ich ihn beenden, ohne mich schlecht zu fühlen. Ich darf eine eigene Meinung haben.

Besonders der Umgang mit Menschen, welcher für mich früher schier unmöglich war, ist heute etwas Wichtiges für mich und bereitet mir sehr viel Freude».

Vincent überlegt einige Momente wie es zu den Veränderungen kam. « In der Klinik und im Dialogos begann ich zu erkennen, dass es Viele gut mit mir meinten, dass sie mich sogar mochten und mich mit meinen Schwächen akzeptierten. Ich erlebte, dass ich ernst genommen werde und dass mir geholfen wird. Es hat viel Zeit gebraucht, mich selbst als richtig anzunehmen und Vertrauen zu anderen aufzubauen. Als sehr hilfreich empfand ich die Aussage meines Therapeuten, dass Gedanken und Gefühle nicht zwingend der Realität entsprechen und ich mich deswegen nicht davon lenken lassen muss. Wirkliche innere Erkenntnisse bringen mich weiter als Hilfsmittel oder Methoden. Ich achte darauf, dass ich mich täglich exponiere und keinem Vermeidungsverhalten nachgebe. Das kann immer wieder sehr anstrengend und fordernd sein, aber es lohnt sich.

Da ich früher kaum noch in der Lage war angenehme Gefühle (z. Bsp. Freude) zu empfinden, begann ich, Dinge zu tun, von denen ich vermutete, dass sie mir gefallen könnten. Mit Unterstützung vom Dialogos begann ich mit «Bogen schiessen» und bin einem Verein beigetreten, in dem ich aktiv mitmache. Heute freue ich mich sehr auf diese Termine. Seit kurzem arbeite ich stundenweise im Claroladen und fühle mich dort wohl.

Ich bin wirklich begeistert, wie ich vom Dialogos unterstützt werde. Die Entscheidung zum Eintritt war 100 % richtig für mich. Ich kann offen über alle Probleme sprechen. Ein herausragendes Merkmal der Betreuung ist, dass sich die Betreuung flexibel dem Klienten anpasst.».