Amelie ist heute 24 Jahre alt. Mit 17 Jahren kam sie in die Klinik. Während des Aufenthaltes wurde klar, dass eine Rückkehr in die Familie ausgeschlossen war. Sie fand für sieben Jahre ein neues Zuhause in einer sozialpädagogischen Pflegefamilie. Obwohl sie schon länger erwachsen war, haben Ängste sie gehindert, etwas zu ändern. Sie brauchte die Stabilität und die Kontakte des vertrauten Ortes und blieb länger als üblich unter Kindern und Jugendlichen. Sie ist dankbar, dass man ihr keinen Druck gemacht hat, auch wenn ihr klar wurde, dass es eine Veränderung braucht. Als sie ihre Beiständin um eine Veränderung bat, erhielt sie drei Empfehlungen, die sie prüfte. Wichtige Kriterien für sie waren, dass es nebst der Betreuung eine Ganztagesstruktur hat und eine Verpflegung, da sie aufgrund ihrer Traumata noch nicht selber kochen kann.

«Das Vorgespräch im Dialogos und das Schnuppern überzeugten mich und führten zum Eintritt. Ich habe schon länger gemerkt, dass die Zeit reif ist, da mich die kleinen Kinder triggerten. Ich ertrug den Lärm und die Streitereien nicht mehr. Um diesem Umfeld zu entkommen, stieg ich oft morgens in den Stadtbus und blieb den ganzen Tag in den öffentlichen Bussen. Ich holte mir Verpflegung und ging um 18.00 Uhr für das Abendessen in die Pflegefamilie zurück. So konnte ich mich beruhigen und es schien mir, als würde ich allen Problemen davonfahren und sie hinter mir lassen. So konnte ich den Ort immer wieder wechseln, das war gut. Natürlich war mir klar, dass es nicht immer
so weitergehen kann. Ich schrieb oft während den Fahrten oder unterhielt mich mit dem Fahrer. Bald kannte ich jeden Buschauffeur und viele davon auch mich.» Als ich Amelie frage, wie sich die posttraumatische Belastungsstörung in ihrem Leben auswirkt, meint sie: Alles was für Andere einfach so normal ist, gelingt mir nicht, weil es an konkrete Situationen der Vergangenheit anstösst und mich triggert.

Dazu gehören zum Beispiel Haare bürsten, Duschen, Zähne putzen, Wäsche waschen und Ordnung machen. Einfache Angelegenheiten funktionieren bei mir oft nicht. Während des Therapieaufenthaltes lernte ich mit den schwierigsten Auslösern (Triggern) umzugehen. Das gelingt erst, wenn es ein Bewusstsein dazu gibt, doch kaum überwand ich ein Thema, äusserten sich andere Schwierigkeiten. Da ich zum Beispiel gezwungen wurde zu essen, auch wenn ich schon satt war, bringe ich manchmal keinen Bissen herunter. Noch immer steht das Essen in engem Zusammenhang mit Erinnerungen an Drohungen, Gewalt, Zwang und sexuellem Missbrauch. Sobald mir ein Trigger bewusst ist, kann ich schrittweise vorankommen. Ich bin mit Babyschritten unterwegs und trage keine Meilenstiefel. Im Dialogos putze ich die Zähne jeden Abend beim Team, die Körperpflege ist an konkrete Zeiten und Betreuung gebunden und ich erhalte Unterstützung bei den praktischen Tätigkeiten. Es hat sich gelohnt diese Veränderung zu wagen. Ich hatte eine Begegnung mit einer ehemaligen Betreuerin, sie meinte, dass ich richtig strahle und sie den Eindruck habe, dass ich aufblühe. Ich bin unter Erwachsenen, habe täglich Aufgaben und kann produktiv und kreativ sein. Ich schätze die Ablenkung im Atelier und die Anerkennung, die ich erhalte. Meine Bemühungen werden gelobt. Ich kann brauchbar sein und anderen eine Freude machen, das ist schon immens. Wenn dann noch die Leute von Frauenfeld kommen, dann wird es lebendig und interaktiv, ich sehe dann auch, wie andere dieses Umfeld nutzen. Wenn ich mal nicht mag, dann bin ich frei und darf mich zurückziehen. Ich habe es sogar geschafft, zwei externe Kurse zu besuchen. Für so etwas hätte ich vorher keine Energie aufbringen können. Ich wählte den Einsteigerkurs für Drehbuchschreiben und einen Grundkurs zum Thema Kurzgeschichten. Durch das Schreiben kann ich verarbeiten und meine Belastungen durch Fantasie umwandeln. Natürlich hätte ich gerne eine Ausbildung gemacht, doch sobald ich etwas leisten muss, kommt es zu einem Zusammenbruch.
Meine Probleme werden nicht aufgehoben, ich kann nur weiter lernen damit umzugehen. Es ist wichtig, meine  Bedürfnisse wahrzunehmen. Es hat sich gelohnt, mich für einen neuen Weg zu entscheiden, denn ich habe wieder Lebensfreude gefunden.