Die Entscheidung, eine betreute Wohnform zu wählen, hat sich gelohnt. Auch wenn ich als Konsequenz auf meine eigenen vier Wände verzichte. Der Druck, alleine klar zu kommen würde mich umgehend in alte Muster führen. Diese Transparenz mir gegenüber wollte ich vertiefen, mich spiegeln lassen und lernen.» Fabian ist 41 Jahre alt und sagt spontan zu für einen Austausch. Als Einstieg gibt er Einblick in seine neuesten kreativen Werke. Er beginnt mit Themen, die ihn zur Kreativität animieren und zeigt, wie es ihm gelingt, Emotionen zu verarbeiten und sich ohne Worte auszudrücken.

«Ich habe in meinem Leben in erster Linie einen Weg der Vermeidung gewählt. Wenn ich vermeide, dann mache ich wenig oder keine Fehler. So kann mich niemand auslachen, mir etwas vorhalten und ich muss keine Rechenschaft ablegen oder Verantwortung übernehmen. Ich konnte mir und anderen nur begrenzt Fehler eingestehen, da sie tief sitzen und sich verankert haben. So tief, dass ich soziale Ängste entwickelt habe. Diese Ängste wurden immer stärker und meine Gedankenwelt verselbständigte sich. Ich wäre gerne in einen Verein gegangen, um Ballsport zu spielen. In Gedanken begeisterte mich die Idee, doch dann redete ich mir ein, dass man mich auslachen und als seltsam abstempeln würde. Aufgrund der Befürchtungen kam es zu keiner Entscheidung, bzw. zur Vermeidung. Erst jetzt wird mir immer klarer, dass ich gar nicht die Person bin, die ich aus mir selbst gemacht habe.
Da ich schon als Kind gemobbt wurde, habe ich mich minderwertig gesehen und hielt mich an die Meinungen von anderen. Meine Meinung zählte nicht. Erfahrungen mit Erwachsenen haben auch nicht weitergeholfen.
Ein Lehrer, dem ich von Plagereien erzählte, meinte, ich solle mich nicht so anstellen. Zuhause erzählte ich nichts von meinen Problemen. Es war eine andere Welt mit Spass, Spiel und Liebe. Natürlich habe ich den Rest einfach verdrängt. In der Lehre zum Hochbauzeichner begann es erst recht mit meinem Vermeidungsweg und  Schwierigkeiten.

Im Sommer vor meiner Ausbildung kam es zu einem Unfall mit starken Verbrennungen. Durch unglückliche  Spielereien entfachte sich ein Feuer, welches zu einer Explosion in meinem Hosenbein führte.
Es ist ein Wunder, dass ich mein Bein nicht verloren habe. Es folgte eine Notfalleinweisung mit einem schweren Genesungsweg. Sechs Operationen folgten, sechs Vollnarkosen, sechs Monate ein Druckverband und ich erhielt erstmals im Leben Morphium. Darauf reagierte ich panisch, da ich einen solchen Zustand noch nie erlebt hatte. Ich wurde melancholischer und stellte fest, dass mir die mathematischen Aufgaben und das logische Denken schwerer zugänglich waren als während der Schulzeit. Trotz dieser Ausgangslage habe ich alles darangesetzt, um die Lehre erfolgreich zu bestehen und später die Berufsmaturität abzuschliessen. Meine Langsamkeit, die Fehlerzunahme
und mein mangelhaftes Zeitmanagement versuchte ich durch andere Fähigkeiten zu kompensieren.

Mit 21 Jahren begann meine erste nächtliche Panikattacke. Ich konnte nicht zuordnen, woher diese kam. Ich ging ans Fenster, um Luft zu holen, hatte Angstschweiss und zitterte. Ich erzählte niemandem davon. Zwei Jahre später hatte ich ein weiteres Erlebnis, als es mir mitten in einer Tätigkeit den Hals zuschnürte und ich keine Luft bekam. Mein  Vater brachte mich zum Notarzt, welcher mir ein Beruhigungsmedikament gab (Temesta). Das Medikament löste bei mir das Gegenteil aus. Ich konnte es nicht einnehmen und fühlte mich sechs Monate instabil. Nach aussen war ich lustig oder nachdenklich, aber die Kontrolle wollte ich nicht verlieren. So begann es, dass ich mit 23 Jahren
zur Beruhigung ein Bier trank, bevor ich schlafen ging. Nicht lange und ich steigerte auf mehrere Dosen. Drei Jahre später kam es zur ersten Kündigung. Danach nahm ich eine Stelle als Bauleitung an, die mich komplett überforderte. Von allen Seiten hatte ich Druck, von Bauherren, den Unternehmern und dem Vorgesetzten. 
Auch diese Anstellung war nicht von Dauer. Militärische oder strenge Vorgesetzte lösten bei mir Ängste aus, die zu
einem Blackout führten, so dass mein Gehirn abschaltete und meine Verunsicherung grösser wurde. Mit 26 Jahren  lernte ich meine zukünftige Frau kennen. Sie stellte fest, dass ich in der Nacht nicht immer atme. Ich hatte in der Nacht Aussetzer, welche bis zu 20 Sekunden dauerten. 2013 stellte man eine Schlafapnoe fest und ich erhielt eine Schlafmaske. Betreffend Konsum motivierte sie mich, offen und ehrlich zu sein und einen Entzug zu machen.

Mit 31 Jahren trat ich 2014 erstmals in die Forel Klinik ein. Nach dem ersten Aufenthalt fand ich eine erneute Anstellung. Mein Trinkverhalten setzte sich fort und ich konnte die gewünschten Leistungen nicht mehr erbringen. Der berufliche und soziale Abstieg nahm seinen Lauf, bis hin zur Scheidung. Beim zweiten Aufenthalt wurde mir bewusst, dass meine Panikattacken seit der Schlafmaske ausblieben, was eine wichtige Erkenntnis war für
mich. Bei meiner letzten Anstellung 2022 wurde der Arbeitgeber insolvent und die Lohnzahlungen blieben immer wieder aus. Die somatischen Symptome meiner Polyneuropathie nahmen zu. Die peripheren Nerven versagten ihren Dienst, meine Beine brannten, in den Händen litt ich unter dem Verlust von sensitiven und motorischen Funktionen und die Schmerzen wurden unerträglich. Meine Schwester brachte mich in die Klinik, da ich eines Tages nicht mehr laufen konnte. Ich wusste, dass ich längerfristig Hilfe brauche.»
Fabian trat im Sommer 2024 ins Dialogos ein. Er stellte fest, dass er Unterstützung annehmen konnte und fasste Vertrauen zum Team. Er fand unter den Mitbewohnenden neue Freunde, spannende Persönlichkeiten und teilt gemeinsame Interessen. Gemeinsam setzen sie kreative Projekte um, verbringen Zeit beim Brettspiel und karikierten die Teams, in dem sie Bilder mit Farben und Bügelperlen gestalteten. Den Hinweis, die Anonymen Alkoholiker zu besuchen, setzte er um und entschied sich zur Teilnahme. Er lernt, offen vor anderen zu sprechen, Unsicherheiten
und Ängste zu überwinden und dieses Übungsfeld gezielt zu nutzen. «Ich habe nichts mehr zu verlieren und
möchte verarbeiten, was ich erlebt habe. Das Atelier vom Dialogos ist ein Wendepunkt für mich. Ich habe mich entschieden, jedes Lernfeld im Atelier zu nutzen und arbeite täglich mit unterschiedlichen Materialien. Den Satz in meinem Kopf, dass ich etwas nicht kann, habe ich bewusst geändert. Nun sage ich, dass ich etwas NOCH nicht kann. Nicht alles muss gelingen. Hier zum Beispiel habe ich meinen Weg gemalt, ich drehe diesen Stein um und sehe langsam mein Spiegelbild. Wenn ich mich erkenne, dann kann ich weitergehen. 
Durch das freie Nähen habe ich ganze Nähprojekte gestartet, Kissen gestaltet und einen Finkenhalter genäht. Als meine geliebte Katze starb, töpferte ich eine Urne. In der Lederwerkstatt gestaltete ich ein Würfelbrett und  Tierfiguren. Auch malen und Comics entwerfen liegt mir. In der Klinik fiel es mir noch schwer, den Schreiber zu halten, heute gelingt es mir wieder, genauer zu skizieren, meine Nerven erholen sich. Oft gehe ich zu Fuss von
Frauenfeld nach Stettfurt, da ich immer von Sport und Bewegung lebte. Bei Sportarten bin ich durch die Polyneuropathie eingeschränkt. Beim Duschen muss ich aufpassen, da ich die Hitze an den Füssen nicht empfinde und im Dunkeln habe ich Gleichgewichtsstörungen. Mit der Bezugsperson komme ich gut klar, erlebe berufliche Kompetenz und gleichzeitig ein menschliches Gegenüber. Eine Persönlichkeit, die mir Einblick gibt, sich durchdacht äussert und sich vor einer Konfrontation nicht scheut. Das kann herausfordernd sein und doch geht es darum, dass ich einen Umgang finde mit schwierigen Gefühlen und Themen, dass ich Konfrontationen ohne Blackout bewältigen
kann und dass ich mir Zeit gebe, meinen Alltag ohne Alkohol zu bewältigen. Mit meinen Fähigkeiten möchte ich
einen Beitrag leisten für die Gesellschaft und ich könnte mir vorstellen, ebenso in Menschen zu investieren, wie ich es im Dialogos erlebe.»